Manchmal braucht es einen Strand – machmal einen Absturz

Der Moment, bevor du umkehrst

Es gibt Momente, die sich erst im Nachhinein als Wendepunkte zeigen. Und dann gibt es Momente, die du genau dann weißt – in der Sekunde, in der sie passieren – dass danach nichts mehr so sein wird wie vorher.

Ich hatte beide.

Valencia. 6 Uhr morgens. Das Meer.

Es war kurz nach Corona. Ich war in Spanien, am Strand von Valencia. Die Sonne kam gerade hoch, das Licht noch dünn und golden, die Brandung kraftvoll. Keine Touristen, keine Ablenkung. Nur ich, Das Meer, und dieser eine Gedanke, der sich plötzlich so klar anfühlte, als hätte er schon immer auf mich gewartet:

Es ist mir wichtig, dass mein Leben in Bewegung bleibt. Egal wie alt ich bin.

Kein großes Drama. Kein Zusammenbruch. Einfach eine Wahrheit, die auftauchte.

Ich saß da und ließ das sacken. Bewegung, ja das war es. Nicht im Sinne von Rastlosigkeit oder Flucht – sondern im Sinne von lebendig sein. Neugierig bleiben. Nicht festwachsen an dem, was war, weil es einmal sicher und vertraut war. Ich spürte, dass ich lange genau das getan hatte: festgehalten. An Strukturen, an Erwartungen, an einem Bild von mir selbst, das vielleicht nie wirklich meines gewesen war. Oh, ich erinnere mich an die Anfangszeit als Selbständige. Mit Kostüm, weißer Bluse, Pumps. Heute stehe ich locker, leger vor meinen Teilnehmenden und Kunden. Das bin ich.

Nun war dieser Morgen am Strand war kein Wendepunkt im dramatischen Sinne. Er war eher wie ein leises Klicken. Ein inneres Ja zu etwas, das ich schon lange wusste – aber noch nicht wirklich zugelassen hatte.

Und dann kamen die Absagen.

Also zurück nach Deutschland gefahren. Seminartermine warteten auf mich. Und dann kamen die Absagen. Wieder einmal – wie seit Anbeginn von Corona. Kunden, die meine Seminare stornierten. Das kannte ich schon, dieses Gefühl. Aber diesmal war etwas anders.

Früher hätte ich gewartet. Gehofft, dass es sich wieder einrenkt. Hätte die Wohnung behalten, den Kalender offen gelassen, mich irgendwie durchgemogelt. Diesmal nicht.

Ich kündigte meine Wohnung.

Mietete mir ein Zimmer.

Zog in meinen Van.

Von außen klingt das vielleicht nach einem Sprung ins kalte Wasser. Für mich fühlte es sich an wie das logische Ergebnis dieses Morgens in Valencia. Als hätte das Meer mir erlaubt, das zu tun, was ich eigentlich schon wusste: dass Sicherheit und wirkliches Leben sich nicht immer vertragen. Dass manchmal der mutigste Schritt der ist, loszulassen – nicht weil man weiß, was kommt, sondern weil man weiß, dass das Bisherige nicht mehr stimmt.

Das Leben ist Bewegung. Wörtlich genommen.

Der zweite Wendepunkt: eine zerstörte Webseite.

Manchmal braucht es keinen Sonnenaufgang. Manchmal braucht es einen Webdesigner, der hunderte Stunden Arbeit zunichte macht.

Meine aktualisierten Änderungen der Webseite war weg. Alle neuen Inhalte, die geänderte Struktur, der aktualisierte Aufbau. Ich war wie gelähmt. Und ich war stinksauer. Aber es half nichts. Weg ist weg. Jetzt musste ich eine Entscheidung treffen. Wieder aufbauen? Die verlorene Zeit wieder einsetzen? Oder etwas ganz Neues beginnen.

Ich fuhr erst mal zur Arbeit. Acht Stunden Fahrt zum Kunden. Mein Kopf war leer. Am nächsten Tag war ich krank – trotzdem natürlich mein Seminar durchgeführt. Ich hatte das Gefühl, dass mir jemand den Stecker gezogen hat.

Ich saß lange mit dieser Frage. Will ich das wirklich wieder aufbauen? War das vielleicht auch ein Signal, es sein zu lassen? Ich hatte keine Antwort. Aber nach ein paar Tagen wusste ich: nicht noch einmal. Jetzt mache ich das, was jetzt, in dieser Lebensphase, besser zu mir passt. Denn all meine bisherigen Bemühungen, das neue Thema aufzubauen, waren nicht besonders von Erfolg gekrönt.

Ich beschloss, mich dem zu widmen, was mein Leben jetzt bereichern kann. Und so entstand frei-raum-unterwegs.

Nicht als Plan. Sondern als Antwort auf all meine Fragen. Gedankengänge. Unterwegs. Genuss. Drei Worte, die beschreiben, was mich wirklich trägt. Was mir wirklich gut tut. Was ich wirklich mit Menschen teilen möchte. Von dem, was ich erlebe, meinen Gedanken, den Menschen, die ich unterwegs treffe und wovon vielleicht auch andere etwas für sich herausziehen können.

Die zerstörte Webseite hat mich viel Nerven gekostet – das ist kein Grund, alles hinzuwerfen. Denn jede Niederlage bietet auch eine Chance.

Was ich heute darüber sagen kann

Richtungswechsel passieren selten mit einem großen Knall. Na ja, manchmal schon. Oft schleichen sie sich jedoch an. Als Unbehagen, als Lustlosigkeit, als leises Gefühl, dass irgendetwas nicht mehr passt. Und irgendwann gibt es einen Moment, der das alles bündelt. Der aus dem Schleichenden etwas Klares macht.

Bei mir war es die aufgewühlte See in Valencia um sechs Uhr morgens. Und eine zerstörte Webseite irgendwo in Deutschland.

Beide Male wusste ich nicht, was als nächstes kommt. Ich musste nur ehrlich sein darüber, was nicht mehr geht. Das klingt einfach. Und es ist doch gleichzeitig das Schwerste, was ich kenne. Und wie es tatsächlich weitergeht, wird sich noch herausstellen.

Die Richtung wechseln bedeutet nicht, dass man gescheitert ist. Es kann bedeuten, dass man sich selbst näher kommt.

Natürlich braucht Mut. Und manchmal braucht es einen Sonnenaufgang, der einem erlaubt, diesen Mut endlich zu spüren.

Veränderung ist ein Thema, das mich schon sehr lange begleitet. Deshalb widme ich diesem Thema mehrere Beiträge. Einige gibt es schon dazu: Warum du scheitern wirst, Zwischen Sicherheit und dem Gefühl, wirklich zu leben, Wo ist mein Platz in diesem Leben. Alle Beiträge zur Serie findest du hier: Gedanken-Beiträge.

Und du? Gibt es in deinem Leben einen Moment, der öfter mal auftaucht – einen Gedanken, den du schon lange mit dir herumträgst, aber noch nicht zugelassen hast? Was würde passieren, wenn du heute anfangen würdest, ihm nachzugehen?

Spanien
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