Was sich ändern muss, bevor sich etwas ändern kann
Ich erlebe es immer wieder. In meinen Seminaren herrscht Aufbruchsstimmung. Die Menschen nicken, machen sich Notizen, tauschen sich aus – man spürt regelrecht, wie etwas in Bewegung gerät. Und dann? Zwei Wochen später ist der Alltag wieder da. Genau so wie vorher.
Das ist kein Vorwurf. Es ist eine Beobachtung, die mich seit Jahren begleitet – und die mich ehrlich gesagt nicht loslässt. Schließlich möchte ich mit meiner Arbeit bei den andern etwas in Bewegung setzen.
Du kennst das vielleicht. Die To-do-Liste ist lang. Am Abend sollte möglichst alles erledigt sein. Der Job, die Familie, die Mails, der Haushalt. Und irgendwo ganz unten auf der Liste steht dann so etwas wie: für mich sorgen. Atemübung. Spaziergang. Fünf Minuten Stille.
Doch – dazu kommt es leider nicht oder zu selten.
Die Garage wird aufgeräumt. Die Entspannungsübung zur Seite gelegt.
Nicht weil du faul bist. Nicht weil du es nicht willst. Sondern weil alles andere sich dringlicher anfühlt. Die Garage räumt sich nicht von selbst auf. Die Entspannungsübung – die hat ja noch Zeit. Morgens eine Atemübung: Da bleibe ich doch lieber noch 5 Minuten im Bett.
Das Ganze passiert schleichend: Du erledigst, funktionierst, priorisierst den ganzen Tag. Das Einzige, das du immer nach ganz hinten priorisierst, sind deine eigenen Bedürfnisse und Wünsche. Was dabei auf der Strecke bleibt, bist du selbst.
Das schlechte Gewissen meldet sich immer mal wieder. Wird weggeschoben, keine Zeit dafür. Du ärgerst dich über dich selbst, machst dir Vorwürfe, sagst dir: Ich weiß doch, was ich tun sollte. Und fragst dich: Warum schaffe ich es trotzdem nicht?
Hieraus entwickelt sich eine Spirale, in der man gefangen ist – eine Spirale aus Wissen, Nicht-Umsetzen und Selbstkritik. Mit der Zeit verselbständigt sich dieses System, demotiviert und frustriert. Je weiter es voranschreitet, um so höher ist die Gefahr, zusammenzubrechen, gar krank zu werden.
Der Irrtum mit den Tipps
Ja ich weiß, ich selbst gebe immer wieder Tipps. Das ist ja auch per se nicht schlecht und die Menschen, die in meinen Seminaren sind oder zu mir kommen, erwarten dies auch oft. Besonders in Seminaren ist diese Erwartung hoch. Es muss doch etwas geben, das funktioniert und das ich ohne großes Dazutun umsetzen kann. Bessere Methoden. Eine Technik, die endlich funktioniert.
Im Grunde verstehe ich es. Es fühlt sich logisch an. Und wenn etwas nicht klappt, dann liegt es doch an der Methode – oder?
Ich glaube, das ist ein Irrtum.
Nicht weil Methoden wertlos wären. Ich gebe selbst viele davon weiter – in meinen Seminaren, im Coaching, in Gesprächen. Aber eine Methode ist wie ein Werkzeug: Sie funktioniert nur dann, wenn jemand sie wirklich benutzen will. Und zwar nicht nur im Moment der Begeisterung, sondern auch dann, wenn der Alltag drückt und die Garage ruft.
Das eigentliche Problem liegt tiefer. Es liegt in der Haltung.
Was wirklich fehlt: die Eigenverantwortung
Ich sage das nicht, um zu beschuldigen. Ich sage es, weil ich glaube, dass es der ehrlichste Satz ist, den ich schreiben kann:
Solange du nicht wirklich davon überzeugt bist, dass du selbst für deine Gesundheit verantwortlich bist – wird kein Tipp der Welt langfristig greifen.
Da kannst du die besten Ratgeber lesen. Das teuerste Seminar besuchen. Selbst das strukturierteste Coaching hilft dir nicht.
Denn alle Methoden setzen voraus, dass du sie in deinem Leben umsetzt. Und das machst du nur dann konsequent, wenn du verstanden hast – nicht im Kopf, sondern wirklich, in dir –, dass niemand anderes das für dich übernehmen wird. Kein Coach. Kein Arzt. Kein Partner.
Du bist die Person, die sich jeden Tag entscheidet. Für das eine – gegen das andere. Und du bist die Person, die mit den Folgen dieser Entscheidungen lebt.
Das klingt hart. Aber es ist eigentlich eine gute Nachricht. Denn wenn du derjenige bist, der die Wahl hat – dann hast du auch die Macht, etwas zu verändern. Das ist doch schon mal gut, oder?
Wenn das Kind schon im Brunnen liegt
In meiner Arbeit als Coach sind viele erst dann zu mir gekommen, wenn es schon fast zu spät für kleine Schritte war. Wenn der Körper bereits Alarm geschlagen hatte. Wenn die Erschöpfung nicht mehr ignoriert werden konnte. Wenn der Arzt, die Ärztin schon darauf hingewiesen hat, dass es Zeit für eine Veränderung ist.
Jetzt könnte man denken, das sind schwache Menschen. Weit gefehlt. Das sind Menschen, die lange funktioniert haben – für die anderen, für den Job, den Vorgesetzten, den Kunden, die Familie, Freunde. Und dabei haben sie ganz vergessen haben, sich selbst auf die Liste zu setzen.
In solchen Momenten ist oft erstmal die Medizin gefragt, um wieder einen Zustand zu erreichen, von dem aus man überhaupt anfangen kann zu arbeiten. Das ist wichtig und richtig. Wenn der Arzt oder die Ärztin empfiehlt, kürzer zu treten, wenn der Partner, die Partnerin ständig darauf hinweist, dass man zu viel macht, dann ist es ernst.
Aber was mich immer wieder beschäftigt: Wie wäre das vermeidbar gewesen?
Es geht nicht um Zeit. Es geht um Haltung
Viele sagen: Ich hab keine Zeit. Und das stimmt manchmal sogar – der Tag ist wirklich voll. Er hat 24 Stunden – für jeden. Und manche nutzen die 24 Stunden auch für sich selbst, andere denken, ein 2-wöchiger Urlaub würde ausreichen, um wieder zu Kräften und Klarheit zu kommen.
Wenn ich jedoch genauer hinsehe, dann ist es weniger eine Frage der Zeit als eine Frage der Priorität. Prioritäten entstehen aus unserer inneren Haltung. Aus dem, was wir für wichtig halten. Für uns selbst. Und nicht aus den Anforderungen, Wünschen, Bedürfnissen anderer. Wenn wir zuerst alle anderen bedienen, müssen wir uns fragen, aus welchem Beweggrund wir das tun, warum uns die Bedürfnisse der anderen wichtiger sind, als unsere eigenen.
Die Frage, die ich dir stellen möchte – nicht als Provokation, sondern als echte Einladung zum Nachdenken:
Was würde sich verändern, wenn du deine Gesundheit nicht als nette Ergänzung, (nice-to-have) sondern als Grundvoraussetzung für alles andere betrachten würdest?
Nicht als Luxus für ruhige Phasen. Sondern als das Fundament, auf dem du deinen Job machst, deine Beziehungen führst, dein Leben gestaltest.
Wenn diese Überzeugung wirklich da ist – nicht als schöner Gedanke, sondern als gelebte Haltung – dann verändert sich etwas. Dann wird aus „Ich sollte mal…“ ein „Das mache ich jetzt.“
Was ich dir mitgeben möchte
Ich werde dir an dieser Stelle keine Liste mit fünf Schritten geben. Das wäre zu einfach – und würde genau das perpetuieren, worum es hier eigentlich geht.
Stattdessen möchte ich dich einladen, eine einzige Frage ehrlich zu beantworten:
Glaubst du wirklich – nicht theoretisch, sondern in deinem Alltag – dass du die Verantwortung trägst für dein Wohlbefinden? Und handelst du entsprechend?
Wenn die Antwort zögerlich ist, ist das kein Grund zur Selbstkritik. Es ist ein ehrlicher Ausgangspunkt. Und ehrliche Ausgangspunkte sind die einzigen, von denen aus echte Veränderung möglich ist.
Wenn du merkst, dass du an einem Punkt bist, wo du nicht mehr weißt, wo du anfangen sollst – melde dich gern. Manchmal braucht es jemanden, der von außen schaut. Nicht um dir zu sagen, was du tun sollst. Sondern um gemeinsam herauszufinden, was dir wirklich im Weg steht.
Diesen versteckten Schwan habe ich am Schlachtensee in Berlin fotografiert. Er ist für mich das Sinnbild dafür, dass vieles den Blick auf das Wesentliche, auf uns selbst, verhindert.

