Wenn Macht wichtiger wird als Menschlichkeit

Ich schreibe diesen Blogbeitrag, obwohl ich sonst kaum über Politik schreibe. Aber jetzt das Maß voll ist.

Warum ich das schreibe:

Ich habe mein Leben damit verbracht, meinen Sohn und mich durchzubringen. Für große politische Debatten blieb da wenig Raum. Aber irgendwann wird aus dem Rauschen im Hintergrund ein Lärm, den man nicht mehr ignorieren kann.

Ich schreibe selten Kommentare, teile keine Empörungsposts, halte keine Vorträge. Aber es gibt Momente, in denen Schweigen sich falsch anfühlt. In denen man einfach sagen muss: So nicht. Nicht mehr. Das Maß ist voll.

Dieser Moment ist jetzt.

Ich weiß nicht, wie es dir geht: Man schaut in die Nachrichten, sieht Bilder aus Washington, Nahost oder Deutschland – und fragt sich, ob man noch in derselben Welt lebt, in der man aufgewachsen ist. Kämpfe um Macht, Symbole der Dominanz, milliardenschwere Einzelpersonen, die sich anschicken, globale Entscheidungen zu treffen. Nicht unbedingt, weil sie gewählt wurden, sondern weil sie reich genug sind, um es zu können.

Das macht mir Angst. Ist diese Angst berechtigt?

Es wäre naiv zu behaupten, Geld hätte in der Politik nie eine Rolle gespielt. Aber etwas hat sich verändert. Die Schwelle zwischen wirtschaftlichem Einfluss und direkter politischer Macht ist gefallen. Das gab es früher auch schon, aber eher im Verborgenen. Es war nicht so offensichtlich. Lobbyismus, Spendengelder, informelle Netzwerke, Geschenke in Milliardenhöhe. All das findet heute offen statt. Politiker machen sich bestechlich. Manche bejubeln das sogar, andere interessieren sich nicht dafür.

Betrachten wir den Unterschied zu früheren Eliten: Heute geht nicht mehr um Verantwortung gegenüber einem Gemeinwesen, um das Gefühl, etwas zurückgeben zu müssen. Es geht ums Ego. Um Sichtbarkeit. Um die Demonstration von Stärke. Die Frage lautet nicht mehr: „Was kann ich für die Gesellschaft tun?“ Sondern: „Wie viel kann ich mir von der Gesellschaft nehmen?“

Das ist nach meinem Dafürhalten keine Elite im klassischen Sinne. Es ist eine Machtklasse, die sich selbst zum absoluten Maßstab erklärt hat. Wenige Machtmenschen, die bestimmen, was für den Rest der Menschen und unserem Planeten gut ist. Wobei der Planet keine Rolle spielt. Denn durch Ausbeutung werden Milliarden gemacht. Naturschutz, Klimaschutz? Interessiert nicht. Andere Länder erobern, Käfigkämpfe, Macht stärken um jeden Preis.

Viele denken, das ist ein amerikanisches Problem. Tja, da die Deutschen es gerne den Amerikanern nachmachen, schwappt das auch zu uns herüber. Das ist beunruhigend. Denn auch hier gibt es viele Anhänger eines solchen Gedankengutes, die ohne groß nachzudenken, sich an solche Menschen klammern. Wir hatten das schon einmal. Wird das vergessen?

Egal welche Partei, egal welche Koalition. Es entsteht der Eindruck, dass die Menschen, die uns regieren in einer völlig anderen Realität leben. Während Unternehmen massenhaft Stellen streichen, während im Gesundheitswesen, im Sozialwesen, in der Pflege, in der Psychotherapie für Kinder – ich könnte jetzt noch mehr aufzählen – gekürzt wird, passiert bei den Beamtengehältern und Politikerpensionen wenig bis nichts. Nicht alle Beamten sind Großverdiener, das sei fairerweise gesagt. Die Schieflage dieses Systems zeigt sich immer deutlicher.

Und dann sagt ein Bundeskanzler (Millionär), die junge Generation sei faul. Einer, der für Friseur und Visagisten runde 4.000 Euro im Monat ausgibt. Eine Pflegekraft verdient monatlich zwischen 2000 und 2700 Euro netto. Davon muss sie Miete bezahlen, oft auch Kinder versorgen und viele Stunden am Limit arbeiten.

Nochmals zur Generation „Faul.“ Das ist die Generation, die den Scherbenhaufen unserer Entscheidungen erben wird. Den Klimawandel. Die Staatsschulden. Den demographischen Wandel. Die Rentenlücke. Die jungen Menschen, die ich erlebe, sind nicht faul – sie sind hoffnungslos überfordert, frustriert und haben keine Pläne für die Zukunft. Wie kann man bei dieser politischen Situation große Zukunftspläne machen. Wer das nicht sieht, hat aufgehört, hinzuschauen. Unsere Politiker haben sich in ihrer Blase verschanzt und lassen nichts von außen zu.

Es gibt in meinem Umfeld ältere Menschen – längst in Rente, mit dem Wohnmobil unterwegs, das Leben genießend. Wenn das Gespräch auf Politik kommt, ein Schulterzucken: „Was soll man machen?“ Politik ist für sie zur Randnotiz geworden. Und ich verstehe das. Wirklich.

Aber ich denke auch: Sie haben vielleicht keine vierzig Jahre mehr vor sich. Die jungen Menschen schon. Und es wäre falsch, die Augen zu schließen, nur weil man selbst in sicherem Fahrwasser ist. Wobei viele ältere Menschen mittlerweile in die Armutsfalle tappen und sehen müssen, wie sie den Monat überleben können.

Es gibt Länder, die zeigen, dass es anders geht. Kanada, Finnland – Länder, in denen Politiker noch so regieren, als wären Menschen das Ziel, nicht Wachstumszahlen. In denen soziale Absicherung, Bildung und Gemeinwohl keine Fremdwörter sind. Das sind keine Utopien. Das sind Demokratien, die ihre Hausaufgaben ernstnehmen.

Warum gelingt es dort und nicht hier? Das ist eine Frage, die wir uns stellen müssen. Laut und ohne Scheu.

Ich will hier nicht so tun, als hätte ich Antworten. Ich fühle selbst diese Hilflosigkeit – diese Mischung aus Fassungslosigkeit und dem Wunsch, irgendwie etwas zu tun, ohne zu wissen was.

Aber ich glaube: Das Aussprechen dieser Hilflosigkeit ist der erste Schritt. Nicht weil es die Welt verändert. Sondern weil es zeigt, dass man noch nicht aufgegeben hat, sie zu verstehen.

Was können wir also tun?

Die große Politik ist weit weg. Die Gemeinde, der Verein, der Nachbar – das ist nah. Lokales Engagement ist echter und direkter als jede Bundestagsdebatte.

Medienkonsum bewusst gestalten. Der Nachrichtenstrom lebt von Empörung – weil Empörung klickt. Das sieht man übrigens sehr gut in den sozialen Medien. Wer am lautesten schreit, Negatives verbreitet, der wird gehört. Wer sich gezielt informiert statt sich permanent beschallen lässt, behält einen klareren Kopf.

Gemeinschaft pflegen. Isolation verstärkt Angst und Ohnmacht. Miteinander reden, zuhören, zusammenhalten – das ist die älteste und wirksamste Form des Widerstands.

Wirtschaftlich bewusst entscheiden. Wo kaufe ich ein? Welche Unternehmen unterstütze ich? Jede Entscheidung ist eine kleine Abstimmung. Zusammen sind sie groß.

Die eigene Stimme nutzen. Nicht schweigen, wenn das Maß voll ist. Dieser Blogbeitrag ist ein Beispiel dafür.

Ich beende diesen Beitrag nicht mit der Aussage, dass alles gut wird. Ich glaube, das wäre unehrlich.

Aber Geschichte zeigt: Jede Zeit, in der Macht sich selbst für unbesiegbar hielt, hat sich irgendwann geirrt. Nicht weil ein Held kam – sondern weil genug Menschen aufgehört haben, allein zu sein mit ihrer Angst, und angefangen haben, miteinander zu reden, zu handeln, zu gestalten. Schauen wir auf Albanien. Dem Land soll eine Insel gestohlen werden und das ganze Volk begehrt auf. Wenn wir diese Machtmenschen nicht stoppen, zahlen wir am Ende die Zeche. 

Also packen wir es an. Tun wir etwas, beteiligen wir uns ganz bewusst. Auch wenn es manchmal mühsam ist. Wir tun das für unsere Zukunft – ansonsten wird die Zukunft so werden, wie sich diese Elite das wünscht.

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