Lustlosigkeit – wenn Nichtstun plötzlich Raum bekommt
Es gibt Tage, da hat man zu nichts Lust. Tage, die sich leer anfühlen oder einfach keinen klaren Zweck haben wollen. Man sitzt da und weiß nicht so recht, was man mit ihnen anfangen soll. Genau so ein Tag ist es gerade bei mir in Spanien. Seit Stunden regnet es. Ich sitze in meinem Van und überlege, ob ich mir eine Netflix-Serie anmache oder lieber einen Blogbeitrag schreibe.
Wie du siehst, habe ich mich für Letzteres entschieden. Und welches Thema passt besser zu diesem Moment als die Lustlosigkeit?
Dabei bin ich eigentlich ein sehr aktiver Mensch. Ich muss fast immer irgendetwas tun. Einfach nur sein, ohne Plan, ohne Ziel – das fühlt sich für mich schnell nach Zeitverschwendung an. Produktivität ist tief in mir verankert. Ich könnte ein Instagram-Reel drehen, ja. Aber selbst dafür fehlt mir gerade die Lust. Kein Thema, keine Inspiration, kein innerer Antrieb.
Und dann ist sie da: diese seltsame Mischung aus Planlosigkeit und Orientierungslosigkeit. Die Frage schleicht sich ein: Muss ich jetzt ein schlechtes Gewissen haben? Muss ich mich dafür rechtfertigen – vor mir selbst oder vor anderen?
Die ehrliche Antwort lautet: Nein. Definitiv nicht.
Und trotzdem erlebe ich genau diese innere Unruhe immer wieder bei den Menschen, mit denen ich arbeite – in Seminaren oder im Coaching. Viele von ihnen sind getrieben. Selbst in Momenten, in denen eigentlich Raum für Ruhe wäre, erlauben sie sich diese nicht. Stillstand fühlt sich falsch an. Pausen werden nicht als notwendig, sondern als verdächtig wahrgenommen.
Ich erinnere mich gut an eine Situation zu Beginn meiner Selbständigkeit. Es war Mittag, ich lag auf meiner Terrasse in der Sonne. Eigentlich ein perfekter Moment. Und plötzlich dieser Gedanke: Du müsstest arbeiten. So wie tausende andere es gerade auch tun. Zack – schlechtes Gewissen. Doch dann hielt ich inne und fragte mich: Warum eigentlich? Ist es nicht genau ein Vorteil der Selbständigkeit, sich solche Momente erlauben zu können?
Vielleicht liest du das gerade und denkst: Ja klar, bei dir geht das. Aber bei mir als Angestellte oder Angestellter funktioniert das nicht.
Aber stimmt das wirklich?
Was hält dich davon ab, dir bewusst eine Pause zu gönnen? Eine echte Pause – nicht schnell aufs Handy schauen oder nebenbei To-do-Listen im Kopf abhaken. Sondern eine Pause, in der du Energie tankst. In der neue Gedanken entstehen dürfen. Oder in der einfach gar nichts passiert.
Lustlosigkeit darf sein. Sie ist kein Zeichen von Schwäche oder Faulheit. Oft ist sie ein Signal. Ein Hinweis darauf, dass etwas zu viel war. Oder dass dein Inneres gerade etwas anderes braucht als Leistung.
Sich Lustlosigkeit zu gestatten, kann ganz praktisch aussehen:
- Einen Nachmittag bewusst ohne Plan lassen – und den Drang, ihn „sinnvoll“ zu füllen, aushalten.
- Bei Regen am Fenster sitzen und einfach hinausschauen, statt sofort nach Ablenkung zu suchen.
- Einen Spaziergang ohne Ziel machen. Keine Strecke, keine Schrittzahl, kein Podcast auf den Ohren.
- Einen freien Tag nicht zu „optimieren“, sondern ihn sich treiben zu lassen.
- Oder sich selbst zu erlauben, etwas anzufangen und es wieder sein zu lassen, wenn es sich nicht stimmig anfühlt.
Vielleicht ist Lustlosigkeit genau der Raum, in dem etwas Neues entstehen kann. Vielleicht braucht Kreativität manchmal Leere. Und vielleicht ist Nichtstun viel produktiver, als wir gelernt haben zu glauben.
Also: Warum nicht heute einfach mal nichts müssen? Wolken beobachten. Gedanken ziehen lassen. Und dem Leben erlauben, sich von selbst wieder zu melden.

